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Framing: Warum aus Worten politische Realität wird

Juli 16, 2018

Fakten können nie ganz neutral und objektiv weiterverbreitet werden. Denn Menschen kommunizieren mit Worten und diese müssen gedeutet werden. In der Politik werden bewusst Begriffe verwendet, die bestimmte Gefühle, Erfahrungen oder Erinnerungen ansprechen sollen. Dieses Framing beeinflusst uns sowie politische Entscheidungen und Handlungen. In Folge 18 widmen wir uns der Frage, wie mit Sprache Politik gemacht wird. Als mündige Bürgerinnen und Bürger müssen wir Frames erkennen und ihnen auch entgegenwirken können. In der Zugabe geben wir Euch Tipps dazu.

These 1: Fakten objektiv zu verbreiten, ist nicht möglich

Worte transportieren oft mehr als neutrale Fakten. Sie haben einen Bezugsrahmen, der unser Denken beeinflusst. Ein gutes Beispiel ist der Klassiker, dass man ein Glas, das bis zur Hälfte mit einer Flüssigkeit gefüllt ist, beschreiben soll. Ganz automatisch beschreibt man das Glas als “halb voll” oder “halb leer”. Obwohl jeweils der gleiche Fakt beschrieben wird, wird ein unterschiedlicher Blick auf die Welt mittransportiert. Auch bei Begriffen, die auf den ersten Blick nach einer neutralen Beschreibung aussehen, verbirgt sich auf den zweiten viel mehr. Warum sprechen wir zum Beispiel von einkommensschwachen Haushalten, anstatt von entlohnungsschwachen Unternehmen? Oder von einer Steuerlast, anstatt von einem Beitrag zum Gemeinwohl?


Dieser Artikel bietet nur eine Zusammenfassung. Die vollständigen Argumente hörst du in der Podcast-Folge: hier im Player oder direkt auf Spotify, iTunes, Google Podcast, Deezer und Stitcher.


These 2: Die Rechten sind besser im Framing als Linke

In der politischen Debatte der letzten Jahre wird Framing vor allem mit der Verbreitung von rechter oder konservativer Politik verbunden. Auch die Beispiele in unserer Podcastfolge sind vor allem aus diesem Kontext. Zum einen sind konservative Werte wie Sicherheit, Zusammengehörigkeit und Ordnung einfacher in griffige Sprachbilder zu packen als komplexere Welteinstellungen wie Solidarität oder Fairness. Oftmals werden niedere Gefühle von Angst und Gefahr angesprochen, die besonders stark sind. Dabei sind US-amerikanische Konservative die Vorreiter auf dem Themengebiet und investieren in entsprechende Forschung. Insbesondere der letzte US-Wahlkampf zeigt, was alles möglich ist mit einer politischen Kommunikation, die Framing geschickt nutzt.

These 3: Framing geht unbewusst in Realität über, deswegen hilft nur selbst denken

Das Konzept der Shifting Baselines beschreibt, dass Menschen immer exakt jenen Zustand ihrer Umgebung für den “Normalzustand” halten, der mit der Erfahrung innerhalb ihrer Lebenszeit zusammenfällt. Veränderungen werden demnach immer relativ zum eigenen Standpunkt bewertet und nicht absolut.

Wenn sich langsam verändert, was in einer Gesellschaft sagbar ist und was moralisch verwerflich, dann ändert sich damit auch das Wertesystem jedes Einzelnen. Die “Baseline” zu der wir moralische Bewertungen treffen und Entscheidungen einordnen, verschiebt sich – und das in ganz kleinen Schritten und damit fast unbewusst. Das ist mit ein Grund, wie es dazu kommen kann, dass Dinge sagbar und möglich werden, die vor einiger Zeit noch undenkbar waren. Das einzige was jedoch dagegen hilft, ist selbst denken und kritisches Hinterfragen.

These 4: Framing ist mitverantwortlich für gesellschaftliche Veränderung

Der GfK-Verein fragt jedes Jahr in einer Umfrage die Bevölkerung nach der “drängendsten Aufgabe” in Deutschland. Das Thema Zuwanderung und Integration wuchs in den letzten Jahren, dabei von 10 Prozent in 2007 auf 83 Prozent in 2016 und 56 Prozent in 2017 an. Auch in einer anderen Wertestudie, die Social Media-Beiträge ausgewertet hat, war ein Trend zu erkennen von 2009 zu 2019, dass konservative Werte wie Freiheit und Sicherheit wichtiger geworden sind als Gerechtigkeit.

Einen Beitrag zu der veränderten Priorisierung von Werten könnte das rechte Framing in der Politik der letzten Jahre dabei gespielt haben.

Zugabe: 3 Schritte, um Frames zu erkennen

  1. Politischen Begriff vom alltäglichen Wort trennen. Beispiel “Klimawandel”.
  2. Fragt euch, was ihr mit diesem Wort verbindet. Wofür steht “Wandel”?
  3. Fragt euch, warum euer Gegenüber genau diesen Begriff verwendet hat. Welche weiteren Begriffe fallen euch in diesem Zusammenhang ein?

Empfohlen von Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling bei “Eine Stunde was mit Medien”. Ihr seht ihr ihren Vortrag:

Weitere nützliche Links aus der Folge und darüber hinaus

 

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