48 min

Glückspolitik: Warum Politik nach Glück statt Wachstum streben sollte

April 09, 2018

Das Bruttoinlandsprodukt als Maß für Wirtschaftswachstum ist schon lange kein guter Indikator mehr für den Fortschritt unserer Gesellschaft. Ist Glück als oberstes Staatsziel da die bessere Alternative? Wir glauben JA und besprechen in Folge 11, was Menschen tatsächlich glücklich macht und wie Glückspolitik konkret aussehen würde.

Warum Glückspolitik statt Wirtschaftswachstum?

Politik ist die Gestaltung der Gesellschaft, aber woran orientiert sie sich dabei eigentlich? Im Grunde streben wir nach etwas, was man oft bezeichnet als “Lebensqualität”, “Fortschritt”, “Wohlstand” oder “das gute Leben”.

Eine sehr lange Zeit wurden diese angestrebten Ziele gleichgesetzt mit Wirtschaftswachstum. Die Prämisse dabei war, dass eine höhere Wirtschaftskraft zu höhere individuelle Einkommen, weniger Armut, bessere Bildung und mehr Gesundheit führt und zusammengenommen zu einem glücklicheren Leben. Gemessen wird das Wachstum mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es beschreibt den Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen, die während eines Jahres innerhalb eines Landes hergestellt wurden.

An Wachstum und am BIP gibt es viel auszusetzen. Das wichtigste Argument gegen die Fokussierung darauf ist, dass ein steigendes Einkommen ab einer gewissen Schwelle nicht zu mehr Glück führt. Das wies Richard Easterlin bereits 1974 nach (Easterlin-Paradox).

Wieso sollte die Politik dann weiterhin nach Wachstum streben und nicht direkt nach Glück? Durch die Glücksforschung verstehen wir immer besser, was Glück ist und wie es gemessen werden kann. Es ist das langfristige Glück nach dem wir streben sollten. Das bedeutet ein erfülltes Leben nach seinen eigenen Werten und sich dabei selbst zu verwirklichen.


Dieser Artikel bietet nur eine Zusammenfassung. Die vollständigen Argumente hörst du in der Podcast-Folge: hier im Player oder direkt auf Spotify, iTunes, Deezer und Stitcher.


Was bedeutet Glück für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft?

Es ist wissenschaftlich belegt, dass glücklichere Menschen im Schnitt mehr Freunde und erfüllendere, feste Beziehungen haben, die auch länger halten. Sie können sich bei Problemen stärker auf ihr Umfeld verlassen, haben ein stärkeres Immunsystem, sind die besseren Anführer und verdienen tendenziell mehr Geld.

Glückliche Menschen haben auch positiven Einfluss auf ihr Umfeld, denn sie sind großzügiger, die besseren Partner/innen in Beziehungen und produktiver auf Arbeit. Damit tragen glückliche Menschen mehr zur Gesellschaft und Wirtschaft bei und haben auch weniger Unterstützungsbedarf durch staatliche Stellen. Zusammengefasst kann man sagen: Glückliche Menschen sind für alle besser.

Viel Geld macht nicht glücklicher. Darum sollte Wirtschaftswachstum nicht Staatsziel Nr. 1 sein, sondern #Glueckspolitik. Klick um zu Tweeten

Dabei spielt Wohlstand für das persönliche Glück nur eine geringe Rolle. Es ist wissenschaftlich erwiesen: viel Geld macht nicht glücklicher! Psychologin Sonja Lyumbomirsky hat mit Kolleg/innen untersucht, was für den persönlichen Glücklichkeitswert ausschlaggebend ist und hat folgende Zusammensetzung herausgefunden:

  • 50 % Gene
  • 40 % Verhalten und Einstellung
  • 10 % Lebensumstände: Gesundheit, Schönheit, Alter, Beziehungsstatus – und Wohlstand

Das Prinzip der hedonistischen Tretmühle beschreibt das Phänomen, dass sich das Glückslevel von Menschen nach einem starken positiven oder negativen Ereignis schnell wieder auf den Durchschnitt einpendelt. Aus diesem Grund sind z.B. Lottogewinner/innen nicht wesentlich glücklicher als Menschen, die durch einen Unfall gelähmt wurden.

Was ist Glückspolitik und wie sähe sie für Deutschland aus?

In einem einzigen Land auf der Welt wird bereits das Bruttoinlandsglück erfasst und Politik danach ausgerichtet: Bhutan. Das Centre for Bhutan Studies erfasst regelmäßig das Glücksniveau der Bevölkerung durch aufwändige Befragungen, die zum einen Aspekte wie Gesundheit, Bildung und Einkommen erfassen, aber auch das subjektive Wohlbefinden der Einwohner/innen. Der ermittelte Wert ergibt das Bruttonationalglück.

Jede geplante Regierungsmaßnahme in Bhutan wird einer Kommission für Bruttoinlandsglück vorgelegt. Diese bewertet die Maßnahme dann dahingehend, ob sie das Glück der Bevölkerung tatsächlich steigern kann. Im Zweifel bekommt das zuständige Ministerium den Vorschlag zum Überarbeiten zurück.

Insgesamt ist das Glück jedoch etwas kulturell sehr Spezifisches und jedes Land muss für eine potenzielle Umsetzung eine eigene Glückskonzeption entwerfen. In Deutschland gab es dafür schon einige Versuche: 2011 bis 2013 arbeitete die Bundestags-Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität an der Frage, wie Wohlstand neu definiert und gemessen werden sollte. 2016 fragte Angela Merkel im Rahmen ihrer Regierungsstrategie “Gut leben in Deutschland – was und wichtig ist” online und in über 200 Dialogveranstaltungen die Deutschen, was sie unter einem “guten Leben” verstehen. In beiden Fällen gibt es zwar Ergebnisse, doch diese scheinen nicht in die Regierungspolitik einzufließen.

Deswegen haben wir uns überlegt: Wie würde Politik in Deutschland aussehen, wenn Glück statt Wachstum das oberste Ziel wäre?

  • Bildung: Es gäbe Schulprogramme und Weiterbildungen zu “Glück als Kompetenz”, damit man von Anfang an lernt, mit seinen Gefühlen und dem persönlichen Glücksniveau umzugehen.
  • Der 6-Stunden-Arbeitstag wäre bereits eingeführt, damit weniger Menschen an Burnout und anderen psychischen Krankheiten leiden und im Gegenzug mehr Zeit für Familie und Freunde haben.
  • Der soziale Wohlfahrtsstaat wäre stärker ausgebaut, um stabile Lebensverhältnisse zu gewährleisten, denn eine Reduzierung des Lebensstandards macht unglücklicher als zusätzlicher Reichtum glücklich macht.
  • Eine intakte und saubere Umwelt wäre wichtiger, als die Automobilkonzerne vor Zahlungen aufgrund des Dieselskandals zu schützen, denn unsere Umwelt ist die Grundlage für unser Wohlbefinden.
Wie #Glueckspolitik für Deutschland aussähe? 1. Glücksbildung in der Schule 2. 30 Stunden-Woche 3. Auffangende Sozialsysteme 4. Starker Umweltschutz Klick um zu Tweeten

Deine Meinung

Sollte die Politik nach Glück streben?

 

 

Zugabe: Was du für dein persönliches Glück tun kannst

Sonja Lyubomirsky ist Psychologin und beschreibt in ihrem Buch “The How of Happiness” was Glück ist und wie man glücklicher werden kann. Dafür füllt man in dem Buch einen Glückserfassungsbogen aus. Auf Basis dessen empfiehlt sie Verhaltensänderungen, um das persönliche Glück zu erhöhen. Die deutsche Ausgabe “Glücklich sein: Warum Sie es in der Hand haben, zufrieden zu leben” ist gerade in aktualisierter zweiter Ausgabe erschienen.

Aus dem Buch drei allgemeine Tipps, angereichert durch weitere Quellen:

1. Beziehungen
Investiere in deine Beziehungen. Gute Beziehungen sind einer der größten äußeren Faktoren, die einen glücklicher oder unglücklicher machen.

Diese Langzeitstudie verdeutlicht, wie wichtig gute Beziehungen für das Glück sind:

 

Tim Urban hilft dir in seinem wunderbaren Blog “Wait but why” herauszufinden, welcher Art Freunden du mehr Aufmerksamkeit schenken solltest.

2. Bewegung/Sport
Bewege Dich. Jeder ahnt es, aber die Wissenschaft hat es bewiesen: Sport, auch in leichten Dosen, macht uns glücklich. Auch langfristig lebt man mit Sport gesünder, selbstbewusster und mit weniger Leiden im Alter.

3. Glück im Alltag
Erfreue dich an den kleinen Dinge des Lebens. Versuche, Alltägliches bewusst zu erleben. Setze dich z.B. mal für fünf Minuten auf eine Parkbank und genieße die Sonne. 99 Prozent unserer Tage sind Alltag. Es liegt an uns, sie zu genießen.

Glückstest
Wie glücklich bist du aktuell? Finde es heraus im Oxford Happiness Test, den auch Sonja Lyubomirsky in ihrem Buch verwendet (Englisch. Anderweitig auch auf Deutsch).

 

Show Notes

  • 03:09

    Das Phänomen: Wonach strebt ein Staat und was ist Glück?

  • 09:06

    Perspektive 1: Warum Glück für den einzelnen so wichtig ist

  • 21:19

    Perspektive 2: Wie eine Politik für das Glück aussehen könnte

  • 38:37

    Das Zwischenfazit

  • 40:54

    Eure Meinung: Sollte Glück zum Staatsziel werden?

  • 41:31

    Zugabe: Was ihr selbst für euer Glück tun könnt

Teile diese Folge:
Facebook
Youtube
RSS
Google+
https://ypolitik.de/podcast/glueckspolitik-warum-politik-nach-glueck-statt-wachstum-streben-sollte/

Schreibe einen Kommentar

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere

Nach oben scrollen